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Hauptseite Hauptseite: Oldersum im 20. Jahrhundert Stand: MAR  2014

EXKURS: DER HENKER VOM EMSLAND

Willi Herold und seine Helfer, von denen einer der Justiz entkam

Dieser Exkurs hat direkt nichts mit Oldersum zu tun, obgleich der "Fall Herold" gelegentlich mit Oldersum bzw. Tergast und den dortigen Erschießungen (siehe Kriegsende in Oldersum - 3. Mai 1945)  in Verbindung gebracht wurde. Die "Gruppe Herold" war zur fraglichen Zeit - Ende April / Anfang Mai 1945 - auch ganz in der Nähe, ging über Leer nach Aurich. Der "Fall Herold" zeigt aber exemplarisch, was Anfang 1945, als das Kriegsende abzusehen war, die Wehrmacht zu zerfallen begann und es mit der "Moral in der Truppe" rapide bergab ging, alles möglich war. Viele Soldaten gingen "in Deckung", um nicht zu den letzten Opfern dieses Krieges zu gehören, andere liefen noch zur "Hochform" auf und glaubten am 3. Mai noch an den "Endsieg". 
Desweiteren dient diese Seite als "Suchmeldung" für einen Beteiligten (Hoffmeister), der bis heute nicht gefunden wurde (siehe unten).
Diese Seite basiert im wesentlichen auf dem Buch "Der Henker vom Emsland" von T.X.H. PANTCHEFF (Bund-Verlag, Köln 1987). Pantcheff war als Major der britischen Armee persönlich in die Geschehnisse um den "falschen Hauptmann" Herold einbezogen. Weitere Quellen sind ein Zeitungsbericht in der Ostfriesen-Zeitung vom 23.05.2005 sowie Angaben von Bernhard Daenekas aus Leer. Daenekas, pensionierter Polizeibeamter, hatte beruflich in den 1960er Jahren mit der Aufklärung und Aufarbeitung des Falles zu tun.

Hintergrund: Das Verbrechen

März 1945. Als Gefreiter der Fallschirmjäger hatte Willi Herold (geboren 1925 in Lunzenau bei Chemnitz) bei Gronau seine Einheit verloren. Auf dem Weg nach Norden fand er in einem verlassenen Fahrzeug die Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe, dekoriert mit Orden und Abzeichen. Der 19-jährige zog die Uniform an und sammelten in den folgenden Tagen weitere "Versprengte" um sich - in Bentheim waren sie fünf, in Meppen bereits dreißig Mann, die entschlossen waren, "nicht tatenlos dem Untergang des Deutschen Reiches zuzusehen".
Die Gruppe verließ Meppen kurz vor Eintreffen der Alliierten und erreichte am 12. April Papenburg. Herold gefiel die Rolle des Hauptmanns immer mehr, auf der Suche nach "Sonderaufgaben" inspizierte er das Lager Aschendorfer Moor, das Lager II der berüchtigten Emslandlager. Insassen des Lagers waren hauptsächlich deutsche ehemalige Wehrmachtsangehörige, die von einem Kriegsgericht abgeurteilt waren oder sich in Untersuchungshaft befanden, und politische Häftlinge, wenige Ausländer. Unter Angabe falscher Aufträge und Vollmachten inszenierte Herold ein Massaker unter den Gefangenen des Lagers, die kurz vorher geflohen waren oder versucht hatten zu fliehen: Herold ließ die Häftlinge eine Grube ausheben, Mitglieder der Gruppe begannen damit, Gefangene mit der Pistole zu erschießen. Etwas später mußten die Gefangenen gruppenweise an der Grube antreten und wurden mit einem 2-cm-Flakgeschütz unter grausamen Begleiterscheinungen erschossen, nach Ladehemmungen der Flak ging das Morden mit Pistolen, Gewehren und Maschinenpistolen und zum Schluß sogar mit Handgranaten weiter. Über hundert Gefangene wurden so getötet, "gleichgeschaltet" nannte es Herold. Auch Volkssturm-Männer beteiligten sich an der Suche der entflohenen Gefangenen und liquidierten sie auf "Befehl" Herolds.
Weitere Exekutionen erfolgten am 13. April (u.a. bei Burlage), einem Freitag, sowie in den darauffolgenden Tagen, das "Ordnungsgefüge" des Lagers II zerfiel restlos. Den Erschießungen folgten Saufgelage und "Spiele", bei denen wiederum Häftlinge erschossen wurden.
"Herolds Horde" verließ dann das Lager und henkte am 20. April in Papenburg einen Bauern namens Spark, weil er angesichts des Herannahens der alliierten Truppen eine weiße Fahne herausgehängt hatte.
Tags darauf erreichte die Gruppe Leer und quartierte sich im Hotel Oranien bzw. im Gasthof Schützengarten ein. Nachdem Herold wieder "Gericht hielt" wurden zwei Männer aus seiner "Truppe" verprügelt und liquidiert. Offensichtlich gehen zwei weitere Morde auf das Konto der Gruppe, ein desertierter Marinesoldat und ein geistig-behinderter Leeraner (SIMON, D., Das Kriegsende 1945 in Leer, S. 44). Am 25. April  "übernahm" Herold 5 Holländer, die im Leeraner Gefängnis einsaßen, machte ihnen wegen Spionage "den Prozeß", ließ sie zwischen Leer und Nüttermoor ihr eigenes Grab schaufeln und erschießen. Dies waren die letzten Toten der "Gruppe Herold", die sich Ende April - etwa 20 Mann stark - vor der herannahenden Front nach Aurich absetzte.
In Aurich wurden sie alle verhaftet, der falsche Hauptmann flog auf und wurde vor ein Marinekriegsgericht in Norden gestellt, das am 3. Mai tagte. Herold gab alle Taten zu: das Massaker im Lager II, mit vermutlich über 170 Opfern, die Erschießung des Bauern in Aschendorf sowie die Exekution seiner zwei Leute und der fünf Holländer. Der vorsitzende Richter konnte sich mit der Forderung nach der Todesstrafe nicht gleich durchsetzen und nach Intervention ranghoher Offiziere wurde Herold am nächsten Tag "zur Frontbewährung" abgestellt (gegen die beiden Offiziere, Kriegsmarinerichter Horst Franke und Konteradmiral Kurt Weyer, fand im Februar 1947 deswegen ein Prozeß statt - beide wurden aber freigesprochen).
Über Friedeburg kam er nach Wilhelmshaven, wo er am 23. Mai von der Royal Navy verhaftet wurde, weil er einen Laib Brot gestohlen hatte.
Es folgte die Untersuchung durch die britische Militärjustiz, Befragung von Zeugen, Ortsbesichtigungen und Exhumierung und Untersuchung der Leichen. In Oldenburg fand Mitte 1946 vor einem britischen Militärgericht der Prozeß wegen Mordes und anderer Straftaten statt. 14 Personen kamen auf die Anklagebank, darunter Herold. Am 29. August 1946 erfolgte der Schuldspruch und das Todesurteil gegen 7 Angeklagte, eins wurde später im Berufungsverfahren aufgehoben.
Am 14. November 1946 wurde Willi Herold zusammen mit 5 seiner "Mitstreiter" in Wolfenbüttel mit dem Fallbeil hingerichtet.

Einer der wichtigsten Helfer des "Henkers" konnte der Justiz in den Wirren der Nachkriegszeit entkommen:
  • Heinz Hoffmeister (oder Heinrich, vielleicht auch Hofmeister), Feldwebel, nach Pantcheff 

  • "ein dunkelhaariger, vierzigjähriger Fallschirmjäger aus Erfurt".
Bernhard Daenekas erhofft sich durch die vielen Veröffentlichungen zum 60. Jahrestag des Kriegsendes neue Hinweise auf den Feldwebel. Andere Hinweise sprechen davon, daß Hoffmeister aus Stettin stammte, wahrscheinlicher ist jedoch der Herkunftsort Erfurt (Thüringen) oder Umgebung. Hoffmeister war der ranghöchste Soldat in Herolds Truppe und entkam der Verhaftung, vermutlich flüchtete er in die sowjetische Besatzungszone und tauchte dort unter.
Hoffmeister müßte demnach etwa 1905 geboren sein, es ist also anzunehmen, daß er bereits verstorben ist. Dennoch könnten Angehörige oder Personen, die ihn gekannt haben und denen er über die Vorfälle berichtet hat, weiteres zur Aufklärung der Vorfälle im Emsland und in Ostfriesland beitragen. Vielleicht hat er auch schriftliche Aufzeichnungen darüber hinterlassen? 
Jeder Hinweis ist willkommen, Mitteilungen bitte an den Verfasser dieser Seite: euhausen@aol.com

Links: 
Willi Herold (wikipedia)
 
Dokumente
 
Film (über das Verbrechen)
DIZ

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